Wegen LGBTQ+: Langjährige Fans entfremden sich von ESC (2024)

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ESC: «Gucke queeren Zirkus nicht mehr»: Langjährige Fans entfremden sich von ESC

Der ESC hat sich über die Jahre zu einem Highlight für die LGBTQ+-Community entwickelt. Jetzt wird es einzelnen heterosexuellen ESC-Fans zu viel.

von
Thomas Sennhauser

Darum gehts

In den50er-Jahren ins Leben gerufen, um nach dem Krieg Europa zu vereinen, hat sich der ESC zu einem der grössten europäischen TV-Events entwickelt. Besonders in der LGBTQ+-Community ist der Anlass beliebt. Der ESC wird deshalb oft als «grösste Gay-Pride-Parade der Welt» oder auch als «Gay Olympics» bezeichnet.

So wurde der ESC zu «Gay Olympics»

In den Anfängen, den 50ern, dominierten Chansons den ESC, der Auftritt der Künstlerinnen und Künstler war eher grau und schlicht. Das änderte sich 1974, als mit «Waterloo» von ABBA erstmals ein Europop-Song zum Sieger gekürt wurde. Der Song gilt als Vorläufer des heute ESC-typischen Europop-Sounds, der bei der queeren Community so gut ankommt.

Die sexuelle Orientierung von Künstlern wie Cliff Richard, Jürgen Marcus oder Mitgliedern von Dschinghis Khan war in den 60er- und 70er-Jahren oft Gegenstand von Spekulationen. Offen diskutiert wurde das damals aber kaum. Páll Óskar, der 1997 für Island antrat, war einer der ersten offiziell bekannten schwulen ESC-Teilnehmer.

Im darauffolgenden Jahr bedeutete der Sieg der transgeschlechtlichen Sängerin Dana International für die queere Community einen Wendepunkt in der ESC-Historie.

Trotz anfänglicher Widerständedes Veranstalters, der European Broadcasting Union, wie dem Verbot eines lesbischen Kusses der russischen Vertreterinnen t.A.T.u. im Jahr 2003, zeigte sich der Event zunehmend toleranter und offener. Die queere ESC-Anhängerschaft wuchs. Das zeigten etwa der zweite Platz 2007 von Verka Serduchka und der Sieg von Conchita Wurst 2014, die beide als Dragqueens auftraten. Netta, Siegerin 2018 und Duncan Laurence, Sieger 2019, wurden von der queeren Community gefeiert. Auch bei den Teilnehmenden wandelte sich das Bild. 2021 waren mehr als die Hälfte queer. Unsere diesjährige Schweizer Hoffnung Nemo hat sich vor kurzem als nonbinär geoutet und ist in einer Favoritenrolle.

Heteros entfremden sich

Daran wird jetzt auch Kritik laut. In verschiedenen Foren wenden sich vorherige ESC-Fans von der Veranstaltung ab: «Alle wollen so divers, bunt, anders wie möglich sein. Ich gucke den Zirkus nicht mehr. Es geht schon lange nicht mehr um die Musik», heisst es da etwa.

Einige mutmassen auch, dass queere Personen mit dem entsprechenden Auftreten bessere Chancen auf den Sieg hätten. Hetero-Männer, die gewinnen wollten, müssten sich der queeren Community anbiedern, um Chancen zu haben.

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Das sagt der Experte

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Laut Martin Wyss, ESC-Experte bei der queeren Zeitschrift «Mannschaft Magazin», spiegelt die Entwicklung des ESC jedoch schlicht die gesellschaftlichen Veränderungen wider und stehe im Einklang mit dem wachsenden Gewicht von LGBTQ+-Personen in der Unterhaltungsbranche. Die aus der ESC-Community stammende Kritik am femininen Outfit von Nemo zeige beispielsweise, dass queere Kostüme nicht unbedingt immer von Vorteil seien.

«Seit 1998 wird die Gesamtperformance bewertet.»

Dass heutzutage das eigentliche Musikstück etwas in den Hintergrund rückte, sei nicht auf die queere Anhängerschaft zurückzuführen: «Bis 1998 standen der Komponist und der Songwriter im Vordergrund. Dann wurde aus finanziellen Gründen die Orchesterbegleitung der Teilnehmer abgeschafft», sagt Wyss. Seitdem werde die Gesamtperformance bewertet.

«Zu dieser zählen nun mal auch ein schrilles Auftreten und Kostüme, um im grossen Teilnehmerfeld möglichst herauszustechen», sagt Wyss. Solche Auftritte seien nicht nur in der queeren Community beliebt, sondern blieben auch beim breiten Publikum hängen. Zudem sollte man ein schrilles Auftreten nicht pauschal mit einer queeren Identität gleichsetzen: «Trotz der bunten und oft als queer wahrgenommenen Auftritte stehen die Musik und die Gesamtperformance im Mittelpunkt des ESC», so Wyss.

LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

InterAction, Beratung und Information für intergeschlechtliche Menschen

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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